Das hässliche Gesicht der Elektromobilität



Elektromobilität ist die Zukunft, keine Frage. Aber muss sie wirklich derart hässlich und fast schon obszön wie die jüngste Studie von Kia daherkommen? Der EV9 ist definitiv mehr Panzer als Bote einer nachhaltigen Zukunft. Für mich eindeutig eine vertane Chance und ein Beispiel der aktuellen Fehlleitung – meine Meinung.

Ein Kommentar von Sven Kaulfuss.

Über den Sinn und Unsinn von SUVs diskutiert man nicht erst seit dem anhaltenden Elektro-Trend. Niemand braucht die Dinger wirklich und dennoch verkaufen sie sich seit Jahren wie geschnitten Brot. Da wundert es kaum, dass gefühlt nahezu alle neuen Elektroautos aufgebockt und in Größe XL vorgestellt werden. Auch das Kia EV9 Konzeptauto ist da keine Ausnahme – groß und schwer wie ein Panzer macht es der G-Klasse von Mercedes Konkurrenz.

Kaufen kann man den Koloss noch nicht, doch alsbald soll eine Serienversion dieses Ungetüms auch auf deutschen Straßen rollen. Da wird sich die Düsseldorfer High Society also entscheiden müssen: Fährt man weiterhin traditionell den Jeep mit Stern über die Kö oder steigt man lieber in Zukunft in den elektrisch betriebenen Endzeit-Kia? Letzterer verspricht ein gutes Gewissen, sind doch per se alle Elektroautos nachhaltig und gut. Doch ist dem wirklich so?

In der Werbung wird uns das Konzept sogar als eine Art „Weltenretter“ verkauft:

Elektro-Panzer Kia EV9: Was wurde nur aus der Idee der Elektromobilität?

Machen wir uns nichts vor. Die Ressourcen, die für einen solchen Elektro-Panzer draufgehen, sind am Ende alles andere als ein herausragendes Beispiel für nachhaltiges Wirtschaften. Vom zu erwartenden Feinstaub durch den Abrieb der Riesenräder und dem nicht vorhandenen Fußgängerschutz mal ganz abgesehen. Nun gut, immerhin bläst der südkoreanische Schützenwagen kein Benzin oder Diesel durch die nicht vorhandenen Zylinder. Dennoch, warum muss so was überhaupt auf die Straße gestellt werden, was wurde aus der ursprünglichen Idee der Elektromobilität?

Die Branche greift sich gegenwärtig das Verbrenner-Portfolio, knallt Batterien und E-Motoren rein, haut etwas Schminke drauf und stellt die Teile in den Showroom – fertig. Anfangs gab es ja wirklich innovative Überlegungen, aus denen dann solche Pioniere wie beispielsweise der i3 von BMW hervorgingen. Doch das war einmal, jetzt langt die Branche wieder hin. Jeder holt sich noch mal Nachschlag, jeder will ein verfettetes E-Auto – Leistung ohne Scham, Dimensionen kennen keine Grenzen mehr.

Fürs gute Gewissen genügt der zahlungswilligen Kundschaft das Label „Elektro“. Diese krude Einstellung hat System. Erinnert sei a sogenannte Plug-in-Hybride. Da darf der fette Porsche-SUV schon mal über 460 PS haben, mit Stromkabel und Mini-Akku ist dies ja alles halb so schlimm. Für die Gesamtbilanz sind derartige Fahrzeuge weder sinnvoll noch wirklich förderungswürdig, sie sind das Feigenblatt der Industrie. Elektropanzer wie der EV9 sind dann deren logische Nachfolger.

Abseits von „fett“ gibt es dann auch noch die Sportler unter den E-Cars:

Chance to pour

Es geht nicht um eine grundsätzliche Umgestaltung der Idee des Personenkraftwagens, Branche und Kunden agieren viel lieber nach dem Vorsatz: Weitermachen! Alles andere könnte ja wehtun und würde unter Umständen echte Konsequenzen nach sich ziehen. Das Konzeptauto des Kia EV9 ist beileibe nicht der einzige Vertreter dieser fragwürdigen Einstellung, aber dessen brachiale Gestalt bringt die angesprochene Problematik einer ganzen Branche perfekt auf den Punkt. Die Chance zum Umdenken wurde vertan, E-Cars dürfen wieder zulegen und Übergröße ist im Trend – koste es was es wolle, zur Not halt die Zukunft.

Hinweis: Mein lieber Kollege Peter Hryciuk sieht dies gänzlich anders, er wird in der nächsten Woche seine Sichtweise zum Kia EV9 präsentieren und meinen Ansichten sicherlich widersprechen wollen.


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